Was ist das Kirchwerk?
Zunächst war es ein Projektname für einen Aufbruch. Mittlerweile ist es auch ein Synonym für einen Veranstaltungsort in Sossenheim. Es ist ein Experiment, was in unserem einzig verbleibenden eigenen Raum in Sossenheim alles möglich sein könnte. Es ist ein verzweifeltes Handeln aus dem Affekt, genauso wie planvolle Vision für die Zukunft. Aber das alles sagt ehrlicherweise auch nicht viel aus.
Die Antwort auf die Frage ist schwer. Denn so ehrlich muss ich an dieser Stelle sein: Es gibt viele unterschiedliche Ideen, was das Kirchwerk sein soll und sein kann. Stattdessen möchte ich eine andere Frage beantworten. Das Wieso.
Dazu möchte ich zu einem Gedankenexperiment einladen: Stellen wir uns die anstehenden Kürzungen innerhalb der kirchlichen Landschaft doch einmal als Dünger für den Acker der Ideen vor. Dünger deshalb, weil ich mir sicher bin, dass unzählige Ideen für Veränderungen in vielen Köpfen vorhanden sind. Meistens schaffen sie es jedoch nicht, sich durch die Dornen des „Es war schon immer so“ und den felsigen Boden des Alltäglichen durchzusetzen.
Unser Dünger in Sossenheim war die Aufgabe des Gemeindehauses.
Anfang 2025 haben wir uns gefragt, wer wir als Gemeinde ohne eigenes Gemeindehaus sind. Was geht alles verloren?
Klar, ein Ort, an dem sich die vielen Gruppen der Gemeinde treffen. Aber dafür finden sich eigentlich immer Lösungen bei anderen Akteuren im Sozial- oder Nachbarschaftsraum.
Was fehlt noch? Vielleicht ein Stück Identität. Ein Ort für vergangene Erinnerungen an Sitzungen, Feiern, Höhen und Tiefen. Vor allem aber ist es ein Ort für neue Erinnerungen. Wo passiert jetzt eigentlich all das Wichtige zwischen den Sitzungen und Gruppen? Die spontanen Begegnungen? Die niedrigschwellige Möglichkeit, sich einfach mal zu treffen. An einer Idee zu feilen oder manchmal auch einfach nur zu sein. Zumindest war das Gemeindehaus in Sossenheim für viele ein solcher Ort des Ungeplanten. Die Räume haben eine Geschichte des Umbaus erzählt. Kellerraum, Jugendraum, Archiv. Garderobe, Büro, Küche. Vom Teilnehmer in der Jungschar über den 18. Geburtstag im Jugendkeller bis hin zum Tröster bei der Beerdigung der Oma. Hier spielte sich für viele abseits von Gottesdiensten und Gruppen auch Gemeindeleben ab.
Das wollten wir uns bewahren. „Seid Täter des Wortes, nicht Hörer allein“ steht über dem Altar in der Kirche. Wie können wir Täter des Wortes sein? Was brauchen wir dafür? Vielleicht eine Küche. Einen Platz, an dem wir einen Tisch aufstellen können. Aber wo lagern wir unsere Sachen, wenn wir keinen Lagerraum mehr haben?
Mit den durch den Dünger der Irritation kraftvoll gewordenen Visionen haben wir uns an den Umbau gemacht. Vorsichtig experimentierend. Wir hatten nur eine grobe Vision, noch keinen Plan. Wir schicken die Kirche mit ein paar Ideen in die Umkleidekabine und schauen dann gemeinsam in den Spiegel. Wo zwickt es, wo ist es zu weit? Was nehmen wir mit zur Kasse? Wenn uns nichts gefällt, legen wir alles wieder zurück, ziehen der Kirche ihre alten Sachen wieder an und gehen nach Hause. Wichtig war, alles muss theoretisch auch wieder rückbaubar sein. Keine permanenten Veränderungen.
Deshalb fällt es mir schwer zu sagen, was das Kirchwerk ist, weil wir im Grunde immer noch in der Umkleidekabine sind. Ein paar Sachen haben wir schon wieder beiseitegelegt. Aber einige haben uns gefallen.
Dazu gehören die Kulturangebote, die wir schon immer in Sossenheim hatten: „Kultur unterm Regenbogen” und „Sachraumgespräche”. Dann gibt es verschiedene Zielgruppengottesdienste, vom klassischen Gottesdienst über wuselige Kindergottesdienste bis zu gemeinsamen Mahlzeiten. Es soll ein Ort für die Vereine und die Menschen in Sossenheim sein. Nicht für die alltäglichen Treffen, Sitzungen oder privaten Feiern, aber für Konzerte, Vorträge und ähnliche Ideen.
Dafür haben wir der Kirche eine Theke im Seitenschiff angezogen. Mit Kühlschränken und einer Kaffeemaschine. So sollte es einfach sein, hier unterschiedliche Veranstaltungen anzubieten. Das nervige Auf- und Abbauen sollte vermieden werden. Deswegen steht die Theke immer da. Mit Getränken und Snacks. Es gibt eine Licht- und Tonanlage, die nicht nur für Gottesdienste genutzt werden kann. Es gibt kein Kabelwicken und kein Schleppen von schweren Boxen. Einfach anmachen, und schon gibt es Musik und Mikrofone. Am Regler drehen und wir können die Farbe vom liturgischen Rot des Sonntags auf ein herrliches Grün für ein Irish-Folk-Konzert verändern. Die Band hat viele Instrumente dabei? Hier steht das Mischpult schon bereit. Nach dem Gottesdienst noch einen Latte Macchiato? Kein Problem, die Milch dafür ist noch vom letzten Vortrag übrig.
Gerade funktioniert es für uns. Viel ist improvisiert. Fast alles gefunden und eingerichtet mit der Energie des Trüffelschweins - mit viel Arbeitseinsatz und Liebe aber ohne hohe finanzielle Kosten. Daher wird sich noch einiges verändern. Denn Dünger lässt bekanntlich nicht nur gute, sondern auch schlechte Ideen wachsen. Auch die hatten wir natürlich. Zeitweise haben wir versucht, zu viel und zu Unterschiedliches abzudecken. Dann wurde es zu bunt und die Farben der Ideen sahen in Kombination nicht mehr gut aus. Da kam die Kirche aus der Umkleidekabine und es passte einfach nicht zusammen. Also wieder zurück. Welches Teil kann man austauschen?
Viele neue Menschen kamen dazu. Sie hatten Ideen und diskutierten, was der Kirche alles stehen könnte und was nicht. Geschmäcker sind unterschiedlich. Wer darf da eigentlich mitdiskutieren? Wer muss mitdiskutieren? Auch das ist bei uns noch offen.
Wir sind gerade noch in der Umkleidekabine. Gerne könnt ihr dazukommen und selber ein paar Kleidungsstücke zum Anziehen mitbringen.
Denn unterm Strich ist das Kirchwerk genau das: ein Möglichkeitsort für die vielen Ideen. Hauptsache, man fängt an. Dünger ist noch genug vorhanden. Wir freuen uns über jede Arbeit auf dem Weinberg. Nicht alles wird bleiben, nicht alles wird gefallen. Was wir am Ende zur Kasse tragen werden, wird sich erst in Zukunft zeigen.
